Plinio Corrêa de Oliveira

 

 

Das Primat der Heiligkeit

 

 

 

 

 

 

Freie Übersetzung aus O „Legionário“  Nr. 96, 21.4.1932 (*)

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Für mich ist es unbestreitbar, dass, wenn in unserer materialisierten und verdorbenen Zeit ein hl. Franz von Assisi wieder erscheinen würde, würde seine Persönlichkeit den Menschen weltweit viel definitiver und schneller imponieren als es je in vergangenen Zeiten der Fall gewesen wäre.

Sicher war das tugendhafte, von katholischem Geist tief durchdrungene Mittelalter, eher in der Lage den großen stigmatisierten von Assisi zu verstehen.

Man muss jedoch bedenken, dass durch den katholischen Geist selbst und seine Verbreitung unter allen sozialen Schichten, das Verlangen nach Tugend weniger stark war, weil die Seelen zum Teil von ihr gesättigt waren, als in den trostlosen Tagen, in denen wir heute leben.(1)

Der Mensch — sagte ein heidnischer Schriftsteller — ist ein gefallener Engel. Und je mehr auch in ihm die Laster und Fehler des Verfalls herrschen, spürt er in seinem Herzen, bewusst oder unbewusst, eine große Sehnsucht nach dem Himmel.

Erforscht man mit aller Vorsicht irgendein menschliches Herz, sei es das eines Heiligen, eines Weisen, eines Unwissenden oder eines Häftlings, wird man das Vorhandensein von mehr oder weniger tiefen Gefühlen, die sich nach einem großen Ideal von Reinheit und Heiligkeit sehnen.

Solange die christliche Zivilisation lebte, war das Leben geprägt von Selbstlosigkeiten, die zu einer allgemeinen Glückserfahrung beitrug.

Als der Katholizismus als höchster Regler der Beziehungen zwischen Menschen und Völker verstoßen wurde, verkam das Leben in Egoismen, die sich gegeneinander bekämpften. Daher der „homo homini lupus“ (2)

Der tierische Teil des Menschen kann zeitlich die Äußerungen seines englischen (geistlichen) Teils ersticken. Nie jedoch kann er sie radikal zerstören.

Und je mehr der Mensch unter seiner selbst fällt, wird er doch immer den unwiderstehlichen Einfluss der Heiligkeit wahrnehmen, der seine Leidenschaften dämpft und die Tyrannei der Laster abschwächt, so wie eine Musik des Orpheus die wilden Tiere zähmte.

Dies sind die Gedanken, zu denen mich das 25jährige Jubiläum von Msgr. Pedrosa als Pfarrer von Sta. Cäcilia anregen. 

 

Die Kirche Sancta Caecilia in São Paulo, 1947

Nie sah ich einen Mann, der über ein so großes Aktionsgebiet einen so gesunden und tiefen Einfluss ausübte.

Ich kenne Leute, die ihm tiefe Freundschaft und Verehrung erweisen, nach einem kurzen Kontakt im Beichtstuhl.

Andere wären bereit ihr Leben und ihr Vermögen zu opfern ohne selbst die Anwandlung einer Diskussion, wenn dieses Opfer ihnen von Monsignore auferlegt worden wäre.

Griechen und Trojaner, Gläubige und Ungläubige sind sich einig in der Feier seiner ungewöhnlichen Tugend.

Selbst Personen, die behaupteten überhaupt keine katholischen Überzeugungen in ihrem Innern zu haben, erweisen dem Pfarrer mit einem nicht erklärbaren Widerspruch ihre aufrichtigste Verehrung und erkennen in ihm die echte Personifizierung der Tugend.

Unter den vielen Kommentaren, die sich über den Pfarrer bei den gegenwärtigen Feierlichkeiten vernehmen lassen, wollte ich diesen merkwürdigen Aspekt seiner Tätigkeiten als Pfarrer hervorheben. Es ist eines der vielen Lehren seines unzerbrechlichen Seelenadels, die er uns gibt.

Sie bestätigt den unbestreitbaren Einfluss der Heiligkeit auf den Menschen.

Und es kommt mir in Erinnerung die Schlussfolgerung, die Tristão de Athayde in seinen Vorträgen über das Problem des Bürgertums setzte: Brasilien und die Welt brauchen keine Weisen und Helden; sie brauchen Heilige...

(*) Originaltitel: „O primado da santidade“

(1) Der Autor benutzt hier den Ausdruck „dürsten nach Tugend“ im Sinne des „Gefühls, dass es an Tugend mangelt“, das heute größer ist als im Mittelalter.

(2) „Der Mensch ist des Menschen Wolf“

Plinio Corrêa de Oliveira zum 100. Geburtstag


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