Plinio Corrêa de Oliveira

 

 

Optimismus, Pessimismus

oder Realismus?

Unsere Hoffnung, sei gegrüßt

 

 

 

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Muttergottes vom Guten Rat, Genazzano (Italien)

Optimismus, Pessimismus, Realismus: Welche Einstellung sollten wir haben vor den Ereignissen der Gegenwart? Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir zunächst einmal diesen Begriffen ihre wahre Bedeutung geben.

Im Grunde ist Realist, wer die Ereignisse so sieht wie sie sind.

Optimist wäre der, der durch einen Blickfehler sich alle Ereignisse freundlicher vorstellt, als sie es in der Realität sind. Der Pessimist sähe durch einen ähnlichen aber entgegengesetzten Fehler die Fakten düsterer, als sie sich eigentlich darstellen.

So wäre ein Arzt Realist, wenn er eine objektive und wahrheitsgemäße Vorstellung des gesundheitlichen Zustandes seines Patienten hätte. Ein optimistischer Arzt würde eine diagnostizierte Krankheit nicht als so ernsthaft einstufen, wie sie in Wirklichkeit ist; der pessimistische Arzt würde eine Krankheit als schlimmer beurteilen, als sie es tatsächlich ist.

Im normalen Sprachgebrauch aber, durch eine Anpassung an die Bedeutung dieser Wörter, werden sie in einem anderen Sinn angewendet. Wenn der Arzt, nachdem er seinen Patienten diagnostiziert hat, zum Ergebnis kommt, dass die Gesundheit des Patienten nicht ernsthaft gefährdet ist, sagt man „er ist optimistisch“ im Hinblick auf die Zukunft seines Patienten. Hier versteht man "Optimist" nicht im Sinne, dass der Arzt die Lage des Patienten besser einstuft, als sie ist, sondern, dass er wirklich Hoffnung auf Besserung hat. Wenn im Gegenteil der Krankheitsbefund objektiv ernsthaft ist, sagt man, der Arzt sei "pessimistisch" aus dem Sprechzimmer gekommen. Das bedeutet nicht, der Arzt habe den Zustand des Patienten schlimmer eingestuft, als er in Wirklichkeit ist, sondern, dass er die Lage des Patienten als ernsthaft angesehen hat und in der Folge einen nicht unbedingten Guten Ausgang haben wird.

Mit der Definition dieser verschiedenen Sinne der Wörter wird es leichter und bestimmender zu sagen, ob man Optimist, Pessimist oder Realist sein soll.

Natürlich sollte man auf jeden Fall realistisch sein. Wenn nämlich Realismus die genaue, objektive Sicht der Dinge ist, und im Gegenteil Optimismus und Pessimismus falsch sind, dann sollte man die Wahrheit dem Irrtum vorziehen. Wenn wir also von „gesundem Optimismus“ hören, kommt uns ein Lächeln über die Lippen: Wenn der Optimismus die freudige aber entstellte Sicht des Wahren ist, wie kann er dann „gesund“ sein? Wie kann eine Entstellung gesund sein?

Doch wird man sagen, dass der gesunde Optimismus darin besteht, die Dinge in ihren hellen Farben zu sehen, wenn sie tatsächlich hell sind. Dem stimmen wir zu, aber in diesem Fall sollte man nicht immer von einem „krankhaften Pessimismus“ sprechen. Es müsste für einen „gesunden Pessimismus“ dann aber auch ein Platz geben, der darin bestünde, die Dinge in ihren dunklen Farben zu sehen, wenn sie tatsächlich dunkel sind. Doch für diejenigen, die immer von einem „gesunden Optimismus“ sprechen, ist der Pessimismus unbedingt „krankhaft“. Und immer wenn man optimistisch ist, ist man „gesund“, und wenn man pessimistisch ist, ist man „krankhaft“. Die Möglichkeit eines „gesunden Pessimismus“ ist gerade etwas, was viele unter allen Unständen nicht wahrhaben wollen.

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Zusammenfassend: Man sollte immer und unerbittlich Realist sein. Wenn die Realität gut ist, sollte man aus ihr optimistische Perspektiven vorhersehen, im guten Sinne des Wortes. Und wenn die Wirklichkeit schlecht ist, sollte man daraus pessimistische Prognosen voraussehen, ebenfalls im guten Sinne des Wortes. „Gesunder Optimismus“ und „gesunder Pessimismus“ sind nur dann angebrachte und vernünftige Ausdrücke, wenn sie sich immer und unerbittlich mit der „absoluten Realität“ identifizieren.

Dies vorausgesetzt, folgt der Frage, ob man bezüglich der Gegenwart optimistisch oder realistisch seil soll, eine andere: Rechtfertigt unsere Zeit gute oder schlechte Prognosen?

Das möchten wir nun behandeln.

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Was schlecht ist, rechtfertigt schlechte Voraussagen und was gut ist, gute Voraussagen. Denn die Wirkung kann nicht Eigenschaften haben, die in der Urasche nicht vorhanden sind. Deshalb müssen wir uns fragen, ob die Dinge in unseren Tagen gut oder schlecht gehen.

Selbstverständlich gibt es heutzutage Gutes und Schlechtes wie in allen historischen Zeiten, selbst in den schlechtesten wie in den besten.

Wenn wir wissen wollen, was sich heutzutage hervorhebt, ob die Liebe Unseres Herrn Jesus Christus, oder der Geist der Welt, brauchen wir nur die Briefe des hl. Paulus aufzuschlagen.

Der Völkerapostel sagt, die Werke des Fleisches sind: „Unzucht, Unlauterkeit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Zank, Eifersucht, Gehässigkeiten, Hetzereien, Entzweiungen, Spaltungen, Missgünstigkeiten, (Totschlag), Trinkereien, Schwelgereien und was dergleichen ist“ (Gal 5,19-21).

Im Gegenteil sind die Früchte des Geistes: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Milde, Enthaltsamkeit (Keuschheit)“ (Gal 5, 22-23). Ich glaube, es erübrigt sich zu fragen, ob in unserem Jahrhundert die Werke des Fleisches oder die Früchte des Geistes vorherrschen.

Betrachten wir die Tatsache aus einem anderen Blickwinkel. Würden wir es wagen zu sagen, die Zivilisation unserer Tage sei vorrangig christlich? In diesem Fall müssten wir zugeben, dass der Sittenverfall, die Gewinnsucht, die Feindlichkeiten, die Kriege, die allgemein herrschende Unordnung eigenste und typische Früchte des Einflusses der Kirche sind. Wer sieht hier nicht eine blasphemische Behauptung? So ist es notgedrungen anzunehmen: Unsere Zivilisation besteht nicht aus den Früchten des Geistes Unseres Herrn Jesus Christus. Sie bringt die typischen Früchte der von der Finsternis beherrschten Zivilisationen hervor.

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Was kann man davon erwarten? In einigen zehn Jahren mehr mit Kriegen, Zwietracht, Kämpfen unter Nationen und Klassen wo werden wir hinkommen? Wenn der Zerfall der Sitten wie bisher in zunehmender Geschwindigkeit vorangeht, wo werden wir in Sachen Tänze, Ausschnitte, Ungezwungenheit im Umgang unter den Geschlechtern in fünfzig Jahren sein?

Wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, muss man annehmen, dass wir uns nur wenig Zeit vor einer Katastrophe befinden. Wenn es in der Welt auf diesem Gleis weitergeht, werden wir in nicht langer Zeit vor einer Finsternis der Kultur und Zivilisation stehen, wie damals beim Fall des Weströmischen Reiches.

In solch einer Welt, wie sieht die Zukunft der Kirche aus? Wird sie notgedrungen wieder für ein paar Jahrhunderte sich in Katakomben zurückziehen müssen? Wird sich die Zahl ihrer Gläubigen auf eine unbedeutende Minderheit zusammengeschrumpft haben?

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Die Zukunft kennt nur Gott. Niemand dürfte sich überraschen, wenn die ganze Struktur der gegenwärtigen Zivilisation auf tosender und tragischer Weise in einem großen Blutbad in sich zusammenbrechen sollte. Es gibt aber einen Grund – und es nicht der einzige – zu hoffen, dass Gott es nicht zulassen wird, dass die Heilige Kirche für lange Zeit zurück in die Katakomben müsste. Denn es gibt inmitten der gegenwärtigen Verheerungen schon die Voraussicht eines Sieges: Die sozusagen fast schon sichtbare Einwirkung der Heiligsten Jungfrau auf Erden.

Seit Lourdes, seit Fatima bis in die heutigen Tage scheint man zu merken, dass je mehr die Krisen in der Welt wachsen, desto mehr vermehren sich die Eingriffe Unserer Lieben Frau. Die Muttergottesandacht wird nicht nur außerhalb der Kirche bekämpft, sondern – horribile dictu – auch in gewissen Kreisen, die man als katholisch vermutet. Dies ist aber nutzlos. Hie und dort sieht man wie Maria weiterhin Tausende und Abertausende Seelen an sich zieht und einen Erneuerungsplan entwickelt, der überzeugend zu einem großen und spektakulären Ausgang führen wird.

Alle Umstände scheinen angemessen, einen großen Triumph der Jungfrau herbeizuführen. Die Krise ist erschütternd. Sie nähert sich ihrem Gipfel. Die menschlichen Rettungsmittel liegen sozusagen ungebraucht danieder. Wir verdienen keine außerordentliche Gnade mehr, sondern nur Strafe für unsere Sünden. Alle Eigenschaften einer von menschlicher Sicht aus verlorenen Situation scheinen sich heute mehr und mehr anzuhäufen.

Wer könnte uns erretten? Nur jemand, der eine unbegrenzte Nachsicht uns gegenüber zeigt, die Nachsicht einer Mutter gegenüber ihrem Kind, eine grenzenlos gütige, großmütige, mitleidige Mutter. Doch diese Mutter müsste zugleich die mächtigste sein, mächtiger als alle Mächte der Welt, der Hölle und des Fleisches. Sie müsste selbst Gott gegenüber allmächtig sein, der mit Recht so erzürnt ist ob unserer Sünden. In dieser Situation uns zu retten, wäre der leuchtendste Ausdruck der Macht einer solchen Mutter.

Nun, eine solche Mutter haben wir! Sie ist unsere Mutter und Mutter Gottes. Wie kann man es nicht wahrnehmen, dass soviel Unglück, soviel Sünden den Eingriff Mariens nicht herbeirufen? Wie kann man es nicht wahrnehmen, dass Sie diesem Ruf nicht nachkommen wird?

Wann? Während der großen Katastrophe, die herannaht? Nach ihr? Wir wissen es nicht. Doch eines scheint absolut wahrscheinlich: Das Maria für die Kirche als Ausklang der Krise nicht eine Zeit voller Schmerz und Leiden vorbereitet, sondern eine Ära des universalen Triumphes.

* * *

So können wir in diesem Monat, der Maria geweiht ist, unsere Augen auf Sie gerichtet, mit aller Gelassenheit die Frage beantworten, ob man optimistisch oder pessimistisch sein soll: Ein gesunder Pessimismus sollte uns überzeugen, dass wir alles verdienen und dass wir wahrscheinlich viel, sehr viel leiden müssen; doch auch ein gesunder und übernatürlicher Optimismus sollte uns überzeugen, dass der Triumph der Kirche in den gegenwärtigen Schmerzen vorbereitet wird, durch die vollständige Vernichtung des Geistes dieser Welt. Dieser Pessimismus, dieser Optimismus verbinden sich zu einem gesunden Realismus, weil er eine große Realität in Betracht zieht, ohne die, jede Erfassung der menschlichen Probleme fehlerhaft ist: Die Vorsehung Mariens.

Freie Übersetzung aus Catolicismo Nr. 17 - Mai 1952

Originaltitel: „Spes nostra, salve“

Plinio Corrêa de Oliveira zum 100. Geburtstag


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